30 km draußen
Nachdem ich mehrere Tage in Folge sehr wenig und sehr schlecht geschlafen habe, hat die Nacht von Samstag auf Sonntag über acht Stunden Schlaf gebracht. Ich habe meinen Samstagslauf wegen Müdigkeit und Kopfschmerzen ausfallen lassen, daher war nach dieser anständig durchgeschlafenen Nacht die Motivation umso größer, den geplanten Long Run anzugehen. Es ist nass, aber immerhin regnet es nicht und es sind nicht ganz unangenehme 6 Grad draußen.
Meistens entscheide ich sehr kurzfristig wo ein Long Run mich hinführen soll. Mal lasse ich mir von einer der diversen Streckenplanungs-Apps etwas aus dem Bereich "Trail Run" erstellen oder ich laufe einfach los, mache eine meiner Standardrunden und nehme dabei vielleicht noch eine Abzweigung, die ich noch nie genommen habe.
Wir wohnen nun seit sieben Jahren im Bergischen Land und es ist erstaunlich, wie wenig man von seiner Umgebung über die Jahre erkundet hat. Immer noch entdecke ich Pfade im Wald, die ich nicht kenne und wundere mich, in welche Ecke meiner näheren Umgebung dieser Pfad mich bringt.
Für den sonntäglichen Long Run war "irgendwas über 25 Kilometer" geplant, und da ich die letzten Wochenenden schon verschiedene neue Strecken ausprobiert habe, sollte es heute eine meiner Standardrunden werden. Geplant war von zu Hause aus A1-Wanderweg, "Jokey Ultra", Steinhauerpfad und dann mal sehen, wozu ich noch Lust habe und fähig bin.
Los geht's: A1 und "Jokey-Ultra"
Ich starte also auf dem A1, der direkt an unserer Haustür vorbeiführt und somit mit großem Abstand mein meist gelaufener Wegabschnitt sein dürfte und auf dem ich jeden Stein mit Vornamen kenne.
Nach dem A1 geht es über einen Waldweg Richtung Campingplatz, wo ich auf den "Jokey-Ultra"-Weg treffe – so genannt, weil auf dem Wanderweg, der eigentlich "Kulturlandschaftsweg" heißt, einmal sehr prominent ein LKW-Anhänger mit der Aufschrift "Jokey" geparkt hatte. Kurz vor dem Campingplatz höre ich ein Rascheln im Wald neben mir und dann bricht rund 20 Meter vor mir ein Geißbock aus dem Gebüsch, überquert den Weg und sprintet davon. Eine originale, echte Speedgoat? (Sorry, Karl Meltzer.) Auf einem besonders matschigen und steil bergab führenden Waldabschnitt freue ich mich, dass ich trotzdem runterlaufen kann und nicht, wie schon so oft, durch den Matsch runterrutsche, das Gleichgewicht verliere und einen beinahe-Sturz hinlege.
Es folgen die zwei unangenehmsten Anstiege des Jokey, die sich lange ziehen und wenig Spaß machen, wobei der zweite Anstieg etwas steiler und länger ist, aber immerhin landschaftlich mindestens ein "nett" verdient hat.
Steinhauerpfad
Nach diesem zweiten Anstieg verlasse ich den Jokey und mache mich auf das rund zwei Kilometer lange Stück, das mich durch den dichten Wald zum Steinhauerpfad bringt. Nach dem Abbiegen auf den Single-Trail des Pfads heißt es erst mal klettern, an den Ruinen der Steinhauerwerkstätten und den alten Steinbrüchen vorbei durch den knorrigen, moosigen Wald. Mit Sicherheit der schönste Abschnitt dieser Laufrunde, den ich oft und gern mitnehme.

Nach diesem wunderbaren, lokal-historischen Waldstück geht es, immer noch dem Steinhauerpfad folgend, in Richtung Lindlar City, mit einer Überquerung des Hauptfriedhofs und runter zum Marktplatz, von wo aus vermutlich die meisten Wandertouren auf dem Pfad starten. Von dort weiter an der Kirche und dem Eiscafé vorbei, das inzwischen auch für den Winter geschlossen hat. Einer kurzen Verlockung der noch geöffneten Bäckerei widerstehend, geht es weiter durch den Ort den Berg hoch, bis ich zwischen den Häusern auf einen kleinen, extrem weich-matschigen Pfad abbiege, der vor der großen Nässe der letzten Monate mal eine Wiese war, und an Weiden vorbei wieder in den Wald führt.
Ein Umweg
Hier verlasse ich den Steinhauerpfad in Richtung Heimat. Es geht ein langes Stück bergab über steinige Waldwege (das "steinreiche Lindlar"!) und ich beschließe, einen Umweg zu machen, um noch ein paar Kilometer an die bisher gelaufenen 20 anzuhängen. Dazu geht es auf einen gut zwei bis drei Kilometer langen Asphaltabschnitt, der stetig bergauf führt.
Mein Plan ist, einen Waldweg zu nehmen, den ich bei meinem letzten Long Run erst gefunden habe, dem ich mich vor einer Woche aber aus anderer Richtung näherte. Daher bin ich unsicher, ob ich ihn wieder finde, und frage mich, ob ich schon unbemerkt am Weg vorbeigelaufen bin, sehe aber kurz darauf das Gebäude, hinter dem der Weg abzweigt. Nach rund 100 Metern kommt eine weitere Abzweigung, bei der ich nicht mehr sicher bin, welches die richtige Richtung ist, und ich nehme den kleinen Trail links statt des breiteren Waldwegs. Es geht bergauf am Waldrand entlang und nach gut einem Kilometer tauche ich in den Wald ein. Ich versuche, mich zu orientieren, meine den Weg einordnen zu können, stehe aber nach einigen hundert Metern auf einer Asphaltstraße, die zu einem Bauernhof führt, den ich nicht kenne. Also zurück, glücklicherweise nur bergab, zur letzten Abzweigung, bei der ich nun den breiteren Waldweg nehme, der mich zur einer Waldkreuzung bringt, über die ich oft auf meinen Standardrunden laufe.
Ab hier kenne ich die Gegend wieder und nehme einen weiteren kleinen Umweg in Kauf, da ich mich immer noch fit fühle. So treffe ich zum zweiten Mal an diesem Tag auf den A1-Wanderweg, dem ich wieder folge, wieder eine Abzweigung Richtung Heimat verwerfe und wieder Richtung Campingplatz laufe. Nach dem Anstieg über eben jenen Campingplatz spüre ich, dass ich so langsam mit den Kräften am Ende bin und nehme einen Teil des A2-Wanderwegs mit, der durchgängig bergab und am Ende über einen kleinen Single-Trail zurück nach Hause führt.
Chili
Die letzten zwei Kilometer sind mühselig, die Muskeln in den Beinen schmerzen und ich bin froh, als ich die Haustür öffne und in die warme Wohnung komme. Auf dem Herd steht ein großer Topf mit Chili, den meine Frau gekocht hat, bevor sie zum Pferdestall gefahren ist. Ich esse, falle in die Badewanne und freue mich über das Mini-Abenteuer, das mir dieser Lauf beschert hat.